So läuft das Drogen-Geschäft in Berlin

Junkies packen aus:

Das Kottbusser Tor ist als Drogenumschlagplatz bekannt. Immer wieder kommt es zu Messergewalt. B.Z. hat mit den Junkies und Dealern vor Ort über die Entwicklung gesprochen.

Ein Tunesier (52) sitzt unten an der Treppe, die zum kiezbekannten „Café Kotti“ hochführt. Der 52-Jährige war früher wilder, ist etwas ruhiger geworden. Aber aus seiner wilden Zeit hat er noch eine lange Messer-Narbe an der linken Brustseite. „Das war Mitte der 90er in Frankfurt ein Albaner“, sagt er.

Scharfe Pistole für 300 Euro

Auf die Frage, was er über die Messergewalt denkt, hat er eine klare Antwort: Er lacht. „Das geht mittlerweile schon weiter als Messer. Vor zwei Wochen wollte mir ein Junge, ein Osteuropäer, eine scharfe Pistole für 300 Euro verkaufen.“

Am Eingang zur U-Bahn treffen wir Firat (27). Er hat große, gerötete Augen, ein sanftes Gemüt und ist trotz seines jungen Alters bereits seit acht Jahren in der Szene. Was denkt er über die Messerstechereien?

Es wird schlimmer, brutaler, skrupelloser

„Viele Tschetschenen haben Probleme mit Arabern“, sagt er. „Die Tschetschenen wollen, dass die Araber Schutzgeld bezahlen und die Araber wehren sich.“

Er sagt – und er ist selbst ein Kind türkischer Einwanderer – dass seit der Einwanderungswelle 2015 „alles schlimmer“ geworden sei. Brutaler. Skrupelloser.

Firat kann sich gut und gewählt ausdrücken, machte einst Abitur. Aber dann rutschte er ab. Das Schmerzmittel Oxycodon (ein künstliches Opioid) machte ihn abhängig. Als der Arzt ihm das schließlich nicht mehr verschreiben wollte, kam er zum echten Opioid: Heroin. Bei Dealern auf der Straße beschafft.

Eine Fahrbare Kamera am Kotti. Hinten links wird munter weiter gehandelt – hauptsächlich mit Apotheken-Medikamenten (Foto: Til Biermann)
Eine fahrbare Kamera am Kotti. Rund um den Brennpunkt wird auch viel mit Apotheken-Medikamenten gedealt (Foto: Til Biermann)

Wir gehen mir Firat spazieren. Er will nicht, dass die anderen Junkies sehen, dass er mit Reportern spricht. Gleichzeitig hat er aber ein Mitteilungsbedürfnis. Er will, dass die Menschen wissen, wie es in seiner Szene wirklich abläuft.

Mittlerweile bekommt Firat von einem Arzt Methadon, das seinen Suchtdruck vermindert. „Früher brauchte ich 20 bis 30 Euro am Tag für Heroin“, sagt er.

Die Polizei hat an dem Tag, an dem wir Firat treffen, einen beweglichen Kamerawagen mitten auf dem Platz am Kottbusser Tor aufgestellt, ist mit ein paar Mannschaftswagen vor Ort. Man will Präsenz zeigen, kontrolliert vereinzelt Süchtige. Der Handel geht trotzdem ungestört weiter.

Handel mit Medikamenten aus der Apotheke

Auch Firat handelt mit Drogen. Allerdings gelten die aus seinem Angebot nicht als „BTM“, als Betäubungsmittel, da es rezeptpflichtige Medikamente aus der Apotheke sind. So werden die meisten Junkies, die kontrolliert werden, ohne Anzeige sofort wieder freigelassen.

Firat hat Rivotril im Angebot, ein starkes Medikament, das gegen epileptische Anfälle helfen soll und als Rauschmittel missbraucht wird. „Die Araber trinken keinen Alkohol“, erklärt Firat. „Aber das Rivotril enthemmt sehr stark. Bevor die einen Raubüberfall machen, nehmen die ein paar Tabletten, um Hemmungen zu verlieren.“

Er bezieht alle zwei Tage ein ganzes Töpfchen davon mit 100 Tabletten über einen Kontakt, der es illegal direkt von einer Apotheke bekommt. Firat bezahlt dafür rund 50 Euro und verkauft es für das Doppelte, einen Euro die Tablette.

Zwei Beamte kontrollieren einen Süchtigen. Ein Polizist (l.) hält eine Packung mit rezeptpflichtigem Benzodiazepam in der Hand. Er muss es dem Süchtigen wiedergeben, schließlich ist der Besitz nicht illegal (Foto: Til Biermann)
Zwei Beamte kontrollieren einen Süchtigen. Ein Polizist (l.) hält eine Packung mit rezeptpflichtigem Benzodiazepam in der Hand. Er muss es dem Süchtigen wiedergeben, schließlich ist der Besitz nicht illegal (Foto: Til Biermann)

Eigentlich soll ein starker Epileptiker davon drei Stück über den Tag verteilt nehmen. „Neulich hat ein Araber 15 Stück auf einmal von mir gekauft und sofort runtergeschluckt“, sagt Firat kopfschüttelnd.

Ein Messer „für den Notfall“

Firat trägt auch ein Messer bei sich. Nachdem er aufgrund einer stehenden Klinge in seiner Hintertasche neulich in die 9-Millimeter-Öffnung einer Polizisten-Pistole blicken musste, hat er jetzt nur noch Taschenmesser.

„Das ist nur für den Notfall“, sagt er. „Der Kodex sagt eigentlich, dass Waffen pussyhaft sind. Aber wenn einen drei Leute abziehen wollen, geht es manchmal nicht anders.“ Gerade am Vortag hätten drei junge Araber versucht, ihm seine Tasche mit den rezeptpflichtigen Medikamenten wegzureißen. Er konnte sich und seine Tasche in Sicherheit bringen.

Heroin ist unreiner geworden

Der Grund für die stetig steigende Nachfrage nach hochwertigen Medikamenten hängt auch mit der verminderten Güte des Heroins zusammen, glaubt Firat. „Seit die Araber das Geschäft in den 90ern von den Türken übernommen haben, ist die Qualität stetig gesunken,“ sagt er. „Es hat nur noch fünf Prozent Reinheit. Jedes Schmerzmittel macht einen besseren Rausch.“

Zur Verteidigung hat Firat ein Taschenmesser dabei. Als Polizisten bei ihm eines mit einer stehenden Klinge entdeckten, zog ein Beamter eine Pistole (Foto: Til Biermann)
Zur Verteidigung hat Firat ein Taschenmesser dabei. Als Polizisten bei ihm eines mit einer stehenden Klinge entdeckten, zog ein Beamter eine Pistole (Foto: Til Biermann)

Die Hauptumschlagplätze für ihn und seine Kollegen sind die U-Bahnhöfe Turmstraße, Kottbusser Tor und Leopoldplatz. Am brutalsten sei es zurzeit am Leopoldplatz. „Da gibt es viele Stechereien.“

Firat weiter: „Koks ist von der psychischen Seite die gefährlichste Droge. Es verändert deinen Charakter. Leute, die ich lange kannte, klauten mir mein Portemonnaie.“ Als er selbst auf Koks war und seine Mutter beklaute, zog er die Notbremse, rührte das weiße Pulver nicht mehr an.

„Die Leute sind gierig geworden. Das Kokain und die Drogen machen die Hirne kaputt. Auch deswegen kommt es zu Stechereien.“ Das sei alles ein Teufelskreis, sagt er.

Die Tabletten bezieht Firat illegal von einer Apotheke. Seine Gewinnspanne ist 100 Prozent (Foto: Til Biermann)
Die Tabletten bezieht Firat illegal von einer Apotheke. Seine Gewinnspanne liegt bei 100 Prozent (Foto: Til Biermann)

Fahrraddieb gibt Tipps gegen Diebstähle

Zum Schluss seines Junkie-Exkurses zeigt Firat noch seine zweite Einnahmequelle: Fahrraddiebstähle. Mit einer abgebrochenen Schere, mit der er in Schlüsselkanälen stochert, kann er fast jedes Schloss öffnen, auch dicke, teure Markenschlösser. Innerhalb von fünf bis zehn Sekunden.

Mit diesem primitiven Werkzeug bekommt Firat fast jedes Fahrradschloss auf (Foto: Til Biermann)
Mit dieser Schere bekommt Firat fast jedes Fahrradschloss auf (Foto: Til Biermann)

Er zeigt Fotos auf seinem Handy von seinem Ebay-Account, auf dem er ein Peugeot-Rennrad für 50 Euro anbietet. Sein Tipp gegen Leute wie ihn: „Man muss sich ein Schloss holen, wo der Schlüssel rund ist, da komme ich mit meiner Schere nicht rein.“

Als wir wieder am „Kotti“ sind, treffen wir noch einen obdachlosen Junkie. Wir fragen ihn, ob er ein Messer bei sich hat. Er geht in Boxerpose. „Brauche ich nicht, ich habe meine Fäuste“, sagt er.

Immer mal wieder zeigen Polizisten am Kottbusser Tor massiv Präsenz und kontrollieren (Foto: Til Biermann)
Polizisten zeigen am Kottbusser Tor immer wieder massiv Präsenz (Foto: Til Biermann)

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