
Berlin (dpa) – Nach dem jetzt bekannt gewordenen Missbrauchsskandal am jesuitischen Canisius-Gymnasium in Berlin gibt es immer mehr Vorwürfe gegen die damalige Schulleitung.
In verschiedenen Medien berichten frühere Opfer und weitere ehemalige Schüler von Gerüchten und Berichten in den 70er und 80er Jahren, die auch damaligen Lehrern und dem Jesuiten-Orden bekannt gewesen seien. Schon 1981 schrieben frühere Schüler nach eigenen Angaben gemeinsam einen Brief an die Schule und die katholische Kirche. An dem Kolleg in der Hauptstadt sollen zwischen 1975 und 1982 mindestens 22 Kinder und Jugendliche missbraucht worden sein. Bis Mitte Februar soll dazu ein Untersuchungsbericht erstellt werden.
Der jetzige Rektor Klaus Mertes spricht in einer persönlichen Erklärung vom “tiefen Entsetzen über die Untaten von zwei ehemaligen Patres”, dem “Versagen der Ordensleitung” und dem “Wegschauen der Verantwortlichen”.
Wegen des Missbrauchsskandals am jesuitischen Canisius-Kolleg in Berlin wird heute der deutsche Ordenschef in dem katholischen Elitegymnasium erwartet. Provinzial Stefan Dartmann will dort für Fragen in Zusammenhang mit diesen Fällen zur Verfügung stehen.
Dartmann hatte am Sonntag eine “vollständige Aufklärung im Interesse der Opfer” angekündigt. Der Orden hat Ursula Raue, lange Jahre Vorsitzende der Kinderschutzorganisation “Innocence in Danger”, mit Ermittlungen beauftragt.
Der Skandal weitete sich unterdessen aus. Auch an einer Hamburger Schule gibt es jetzt Opfer. “Das, was viele befürchtet haben, hat sich bewahrheitet”, sagte Bistums-Sprecher Manfred Nielen am Montag der Deutschen Presse- Agentur dpa. Es hätten sich zwei ehemalige Schüler der Sankt-Ansgar-Schule gemeldet, die Opfer eines Jesuitenpaters wurden. Dieser hatte bereits eingeräumt, Schüler des katholischen Canisius-Kollegs in Berlin missbraucht zu haben. Der Pater hatte laut Bistum von 1979 bis 1982 an der ehemaligen Jesuiten-Schule in Hamburg unterrichtet. Er trat 1991 aus dem Orden aus und lebt jetzt in Südamerika.
Möglicherweise ist auch das Jesuiten-Kolleg in St. Blasien in Baden-Württemberg betroffen. Ein früherer Pater, der in Berlin Taten gestanden hat, unterrichtete in den 80er Jahren dort. “Ich muss davon ausgehen und gehe davon aus, dass es durch ihn auch am Kolleg St. Blasien Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben hat”, sagte Direktor Pater Johannes Siebner der dpa. Von 1979 bis 1982 hatte der damalige Lehrer zudem an der Hamburger Sankt-Ansgar-Schule unterrichtet, wie das Erzbistum bestätigte. Bislang gebe es aber keine Hinweise, dass es dort ebenfalls zu sexuellen Übergriffen gekommen sei, sagte ein Sprecher.
Die Vorgänge werfen auch ein Schlaglicht auf den Umgang der Kirche mit solchen Fällen. Jesuitenpater Breulmann sagte, 2002 erlassene “Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch” seien zwar wichtig. Sie müssten aber konsequenter angewandt werden, sagte er im “Tagesspiegel”. Die Deutsche Bischofskonferenz zeigte sich “tief betroffen”. Die Richtlinien von 2002 seien “unmissverständlich und nach wie vor die Grundlage unseres Handelns”, sagte ein Sprecher.
Berlin (dpa)