Zu schwul, um für die CDU Kanzler zu werden?

„Bild“ zweifelt an den Chancen von Jens Spahn

Von Reinhard Werner12. Februar 2020 Aktualisiert: 12. Februar 2020 12:06 Unter dem Eindruck der Debatte um den künftigen CDU-Vorsitz und die damit wahrscheinlich verbundene Kanzlerkandidatur 2021 hat die „Bild“-Zeitung die Frage aufgeworfen, ob für den potenziellen Kandidaten Jens Spahn seine Homosexualität ein Hindernis wäre.

Jens Spahn und sein Ehemann Daniel Funke.Foto: CHRISTOF STACHE/AFP via Getty Images

Am Dienstag (11.2.) ging die „Bild“-Zeitung der Frage nach, ob die CDU „modern genug für einen schwulen Kanzler“ sei. Hintergrund der Erhebung ist der sich abzeichnende innerparteiliche Wettlauf um das Amt des Parteivorsitzenden nach der Rückzugsankündigung der amtierenden Amtsinhaberin Annegret Kramp-Karrenbauer am Tag zuvor.

Als einer der Kandidaten gilt dabei der 39-jährige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, dessen Homosexualität seit Jahr und Tag bekannt ist und der gemeinsam mit seinem langjährigen Partner Daniel Funke von der 2017 beschlossenen „Homo-Ehe“ Gebrauch gemacht hat.

Die „Bild“ meint, die sexuelle Ausrichtung Spahns mache „seine mögliche Kandidatur in dem jetzt ausbrechenden Richtungsstreit, wie die CDU sich in der Nach-Merkel-Ära ausrichten soll, noch etwas komplizierter“.

Schwuler Außenminister bereits in der Adenauer-Ära

Ex-Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) und Grünen-Politikerin Renate Künast meldeten gegenüber dem Blatt „Zweifel“ an, ob die CDU einen als homosexuell bekannten Politiker zum Parteichef wählen und ihn als solchen akzeptieren würde. Ex-Familienministerin Kristina Schröder meinte hingegen, „natürlich“ sei eine solche Konstellation in der CDU denkbar, zumal Spahn inhaltlich für einen konservativen Kurs stehe.

Aus Sicht der Zeitung „steht fest“, Deutschlands letzte verbliebene Volkspartei tue sich zumindest in Teilen „immer noch schwer mit der Gleichstellung von Homosexuellen“. In diesem Zusammenhang sei es „bezeichnend“, dass die konservative „Werte-Union“ eine Anfrage der „Bild“ unbeantwortet ließ, ob die CDU „modern genug für einen schwulen Kanzler“ wäre.

Was das Blatt ihrerseits unerwähnt lässt, ist, dass die CDU bereits in den 1950er Jahren mit Heinrich von Brentano einen Außenminister stellte, dessen Homosexualität als mehr oder minder offenes Geheimnis galt. Von 1961 bis zu seinem Tod im Jahr 1964 war dieser sogar Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer wurde auf die Gerüchte um seinen Minister angesprochen und soll – bezüglich des genauen Wortlauts gehen die Überlieferungen auseinander – darauf geantwortet haben, dies sei ihm „egal, solange er mich nicht anpackt“ oder „Bei mir hat er’s jedenfalls noch nicht probiert“.

Van Beust: „Tratsch und Klischee, also unerheblich“

Mit Ole van Beust stellte die CDU in der Zeit von 2001 bis 2010 sogar den Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg. Dessen Homosexualität wurde erst 2003 einer breiten Öffentlichkeit bekannt, nachdem der damalige Innensenator Ronald B. Schill ihm im Zuge eines Streits um eine Personalie damit gedroht haben soll, von Beusts angebliches Verhältnis mit dem damaligen Justizsenator Roger Kusch zur „Primetime“ zu offenbaren.

Was Schill als legitimen Akt der Bekämpfung von Korruption zu rechtfertigen suchte, vermochte von Beust in der Öffentlichkeit als homophob motivierte Form der Erpressung zu framen. Schill wurde entlassen und von Beust setzte Neuwahlen an, die er in der traditionellen SPD-Hochburg mit absoluter Mehrheit gewann.

Auch am Dienstag betonte van Beust gegenüber „Bild“, dass Homosexualität in der CDU kein Karrierehindernis mehr sei:

Wir leben im Jahr 2020, da sollte sich diese Frage doch bitte nicht mehr stellen. Es zählen Charakter und Qualität, alles andere ist bestenfalls Tratsch und Klischee, also unerheblich.“

Der Politikwissenschaftler Jürgen Falter von der Universität Mainz hingegen geht davon aus, „dass es in konservativeren Kreisen und ländlichen Parteigliederungen schon ein gewisses Grummeln geben dürfte“, wenn die CDU einen schwulen Mann als Kanzlerkandidaten aufstelle.

Die Annahme, dass es in Teilen der Stammwählerschaft der CSU in Bayern zumindest unterschwellig Akzeptanzprobleme geben könnte, erscheint auf den ersten Blick als naheliegend, da dort die private Lebensführung von Politikern noch deutlich länger als in anderen Bundesländern den Ausschlag für oder gegen einen Kandidaten geben konnte.

Bayern und die CSU als Rest-Unsicherheitsfaktor

So gilt es in Bayern heute noch als gesicherte Erkenntnis, dass 1993 nach dem Aus für den damaligen Ministerpräsidenten Max Streibl der Zweikampf zwischen Edmund Stoiber und Theo Waigel durch eine Indiskretion aus dem Stoiber-Lager entschieden wurde. Von dort aus seien Informationen über ein „g’schlampertes Verhältnis“ (außereheliche Beziehung) des damals bereits von seiner ersten Ehefrau Karin Waigel getrennt lebenden Waigel mit der ehemaligen Schirennläuferin Irene Epple an die Presse gespielt worden. Mögen Sie unsere Artikel?Unterstützen Sie EPOCH TIMESHIER SPENDEN

Waigel ist mit Epple mittlerweile in zweiter Ehe verheiratet, das Rennen um den Parteivorsitz verlor er aber. Allerdings scheint auch in der CSU die Bedeutung der privaten Lebensführung keine entscheidende Rolle mehr bezüglich der Akzeptanz als Politiker zu spielen: So wurde der derzeitige Bundesinnenminister Horst Seehofer trotz des Bekanntwerdens einer außerehelichen Affäre, aus der 2007 sogar ein Kind hervorging, ein Jahr später zum Parteivorsitzenden gewählt, der er bis 2019 blieb. Im Jahr 2013 gewann die CSU unter Seehofer ihre fünf Jahre zuvor verlorene absolute Mehrheit im Landtag zurück.

Ungeachtet des Festhaltens der CSU am traditionellen Familienbild verfügt mittlerweile auch sie über homosexuelle Politiker, etwa den Vertriebenensprecher Bernd Fabritius, der von 2013 bis 2017 die Münchner CSU im Bundestag vertrat und seit 2018 Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und Nationale Minderheiten ist.

Umgang mit Homosexualität nur noch Stilfrage

Meinungsforscher Hermann Binkert erklärt gegenüber „Bild“, das Thema der Homosexualität in der Politik sei keines mehr, denn es gebe mittlerweile in allen Parteien profilierte homosexuelle Politiker. Selbst in der AfD, die sich gezielt um Wähler bemüht, aus deren Sicht die Unionsparteien zu Unrecht auch plakativen Forderungen der LGBT-Bewegung nachgegeben haben, finden sich von Bundestags-Fraktionschefin Alice Weidel abwärts auf allen Ebenen Politiker, die aus ihrer Homosexualität kein Geheimnis machen. In diesem Fall wird – wie dies auch bei Spahn schon häufig der Fall war – das Thema der Homosexualität und ihrer Akzeptanz sogar positiv als Argument bemüht, um Anpassung muslimischer Einwanderer an deutsche gesellschaftliche Normen einzufordern.

Der Unterschied bezüglich des politischen Umgangs mit Homosexualität zwischen linken und bürgerlichen Parteien ist in Deutschland hauptsächlich eine Stilfrage. Im Unterschied zur Linken, die aus ideologischen Erwägungen heraus eine Besserstellung der traditionellen monogamen und heterosexuellen Ehe gegenüber anderen Formen des Zusammenlebens ablehnt, wird im bürgerlich-konservativen Spektrum auch unter homosexuellen Politikern das traditionelle Familienbild als Ideal akzeptiert.

Bürgerlich-konservative Politiker lehnen es zudem ab, ihre sexuelle Orientierung zum Thema für die Öffentlichkeit zu machen – deshalb war auch die Homosexualität des früheren Hamburger Bürgermeisters von Beust der breiten Öffentlichkeit bis 2003 nicht bekannt.

Spahns Feldzug gegen die Konversionstherapie

Auch Jens Spahn geht nur in Teilbereichen offensiv mit dem Thema um. Bis dato hat er es lediglich im Zusammenhang mit muslimischer Einwanderung, der Bezahlung eines vorbeugenden Medikaments gegen HIV durch die Krankenkassen und der Forderung nach einem Verbot der umstrittenen „Konversionstherapie“ politisiert. Die Therapien, die sich an Homosexuelle richten, die mit ihrer Neigung hadern und die eine Entwicklung heterosexueller Potenziale zum Ziel haben, können aus Sicht zahlreicher Psychologen eine schädigende Wirkung auf die Betroffenen entfalten. Zudem würden sie das Bild von Homosexualität als Krankheit oder Persönlichkeitsstörung kultivieren. Hingegen werden die Therapien vor allem aus Kreisen der evangelikal geprägten „Ex-Gay-Bewegung“ als Option befürwortet, um Menschen, die sich ihrer homosexuellen Neigungen wegen mit sich selbst nicht im Reinen fühlen, den Weg zu einem zufriedeneren Leben zu ermöglichen.

Abseits dieser Themen positioniert Jens Spahn sich jedoch auch in Gesellschaftsfragen eher als konservativ.

In einem Gastbeitrag für die „Zeit“ sprach sich Spahn 2014 für eine Beibehaltung der Rezeptpflicht für die „Pille danach“ aus, in der Debatte um den § 219a StGB und das darin enthaltene Werbeverbot für Abtreibungen äußerte Spahn: „Mich wundern die Maßstäbe: Wenn es um das Leben von Tieren geht, da sind einige, die jetzt für Abtreibungen werben wollen, kompromisslos. Aber in dieser Debatte wird manchmal gar nicht mehr berücksichtigt, dass es um ungeborenes menschliches Leben geht.“

Pleite bei der Organspende

Von Spahn stammt auch der 2018 geäußerte Vorschlag, Sozialversicherungsbeiträge für kinderlose Paare zu erhöhen, da ein Erhalt des bestehenden Umlagesystems nur mit ausreichend Nachwuchs zu bewerkstelligen sei.

Politisch ist Spahn vor allem als Law-and-Order-Politiker und Anhänger einer restriktiven Zuwanderungspolitik bekannt. Andererseits hat auch bereits mit mehreren Vorstößen scharfen inhaltlichen Widerspruch bis hinein in die eigenen Reihen hervorgerufen. Dazu gehörten beispielsweise Äußerungen wie jene, dass der Bezug von Leistungen nach dem SGB XII – besser bekannt unter dem Namen „Hartz IV“ – nicht mit Armut gleichzusetzen sei.

Zuletzt scheiterte Spahn im Bundestag mit seinem Vorstoß, die Widerspruchslösung im Bereich der Organspende zu verankern. Eine Annahme des Gesetzesentwurfes hätte bedeutet, dass künftig ein Zugriffsrecht medizinischer Einrichtungen auf den Leichnam jedes verstorbenen Einwohners der Bundesrepublik Deutschland zu Zwecken der Organentnahme bestanden hätte, sofern dieser nicht zu Lebzeiten ausdrücklich dieser widersprochen hätte. Die Positionierung in Sachthemen wie diesem dürfte mit Blick auf Spahns Kanzlerchance eher ein Handicap darstellen als seine private Lebensführung.

Erste Umfragen nach der Rücktrittserklärung Kramp-Karrenbauers geben Spahn, der bereits 2018 auf den CDU-Bundesparteitag im ersten Wahlgang um den Posten des Bundesvorsitzenden ausgeschieden war, nur Außenseiterchancen. Sowohl der Finanzexperte Friedrich Merz als auch der Ministerpräsident von NRW, Armin Laschet, kommen auf deutlich höhere Zustimmungswerte.

Sollte nicht noch CSU-Chef Markus Söder Ansprüche anmelden, gilt die Entscheidung über die Nachfolge Kramp-Karrenbauers an der CDU-Spitze auch als Vorentscheidung über die Kanzlerkandidatur der Union bei den Bundestagswahlen, die für Herbst 2021 vorgesehen sind. https://www.epochtimes.de/politik/deutschland/zu-schwul-um-fuer-die-cdu-kanzler-zu-werden-bild-zweifelt-an-den-chancen-von-jens-spahn-a3153777.html

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