Verkehrsunfallentwicklung im Regierungsbezirk Tübingen im Jahr 2012

Weiterer Rückgang bei den Verkehrstoten und Schwerverletzten trotz insgesamt steigender Unfallzahlen – Junge Erwachsene erneut überproportional am Unfallgeschehen beteiligt

Die Gesamtzahl der polizeilich registrierten Verkehrsunfälle im Regierungsbezirk Tübingen ist im Jahr 2012 um 5,8% auf 44.953 Unfälle angestiegen (2011: 42.452). Der hierdurch verursachte volkswirtschaftliche Schaden beläuft sich auf über 630 Millionen Euro.

Regierungspräsident Hermann Strampfer betonte anlässlich der Vorlage der Unfallstatistik die besondere Bedeutung der polizeilichen Verkehrsüberwachung und der Verkehrsprävention. „Gerade die beiden Risikogruppen der „motorisierten Zweiradfahrer“ und der „Jungen Erwachsenen“ werden weiterhin besonders im Fokus stehen“, so Strampfer weiter. Er dankte den Polizeibeamtinnen und -beamten im Regierungsbezirk für ihr Engagement für die Sicherheit im Straßenverkehr.

Unfallursachenforschung

Abzüglich sogenannter Bagatellunfälle (58,5%) waren 18.641 Verkehrsunfälle für die polizeiliche Unfallursachenforschung bedeutsam. Sie bilden die Bezugsgröße für die nachfolgenden Aussagen.

Bei den Verkehrsunfalltoten ist ein weiterer Rückgang zu verzeichnen. Im Jahr 2012 verunglückten im Regierungsbezirk Tübingen 89 Personen bei Verkehrsunfällen tödlich. Im Vorjahr gab es noch 104 Verkehrstote, das bedeutet einen Rückgang um 14,4% (2010: 118, 2009: 100). Gegenüber den 1970er-Jahren, in denen in der Region jährlich noch mehr als 500 Verkehrstote zu beklagen waren, sind die Zahlen damit auf weniger als ein Fünftel gesunken, obwohl sich der Kraftfahrzeug-Bestand seither fast verdreifacht hat. Von den 89 Getöteten im Jahr 2012 haben 57 (64%) den Verkehrsunfall selbst verursacht. Davon standen 17 unter Alkohol- oder Drogeneinfluss. Zudem war rund ein Viertel der Getöteten nicht angegurtet oder trug keinen Helm.

Parallel zu den Verkehrsunfalltoten sank auch die Zahl der Verkehrsunfälle mit Personenschaden um 0,7 %. Deren Anteil am Gesamtunfallgeschehen lag 2012 mit 6.103 Unfällen bei 13,6 % (2011: 14,5%).

Mit einem Anteil von 20% an den Verkehrsunfällen mit Personenschaden stellte überhöhte bzw. nicht angepasste Geschwindigkeit 2012 die häufigste Unfallursache dar. Danach folgten Vorfahrtsverletzungen mit 18,9%, Fehler beim Abbiegen, Wenden und Rückwärtsfahren mit 15,9% und Abstandsverletzungen mit einem prozentualen Anteil von 14,6%. Die Zahlen der alkoholbedingten Unfälle mit Personenschaden gingen um 5,6 % und die Zahl der unter Drogeneinwirkung verursachten Unfälle erfreulicherweise um 44% zurück. Dennoch steht mangelnde Verkehrstüchtigkeit, zu der neben den alkohol- oder drogenbedingten Verkehrsunfällen auch die Unfälle wegen Übermüdung oder sonstiger körperlicher Mängel zählen, an fünfter Stelle der erkannten Hauptunfallursachen (443 Unfälle oder 7,3%).

Bei den Lkw-Unfällen ist im Regierungsbezirk Tübingen ein leichter Anstieg auf 1.981 Unfälle (+ 47 Unfälle bzw. + 2,3%) festzustellen. Erfreulicherweise ging die Zahl der dabei Getöteten (um – 7,1 % auf 26) und Schwerverletzten (um – 19,2 % auf 118) zurück. Auffällig ist aber nach wie vor das sehr hohe Eigenverschulden der Lkw-Fahrer (64,7% der Unfälle). Die Hauptunfallursachen waren in diesem Bereich „Fehler beim Abbiegen, Wenden, und Rückwärtsfahren“ mit 25,1% und „Vorfahrtsverletzungen“ mit 13,4%.

Eine rückläufige Entwicklung ist bei den Verkehrsunfällen unter Beteiligung motorisierter Zweiradfahrer (vom Mofafahrer bis zum Fahrer PS-starker Motorräder) festzustellen. Die Gesamtunfallzahl fiel hier zwar um 4,8% auf 1.301 Verkehrsunfälle, liegt aber nach wie vor über dem 3-Jahres-Durchschnitt 2008-2010 von 1.251 Unfällen. Auch sind motorisierte Zweiradfahrer bei den getöteten und schwerverletzten Verkehrsteilnehmern nach wie vor überproportional vertreten: Obwohl ihr Anteil am Unfallgeschehen im Regierungsbezirk Tübingen 2012 bei nur 7% lag, stellte diese Gruppe mit 21 Verkehrstoten 23,6% der Getöteten und mit 364 schwer verletzten Personen 22,2% der Schwerverletzten. Etwas mehr als die Hälfte der Unfälle (51,8%) verschuldeten die motorisierten Zweiradfahrer selbst. In mehr als einem Drittel (33,7%) war überhöhte bzw. nicht angepasste Geschwindigkeit ursächlich für den Unfall.

Bei den Fahrradunfällen zeigt sich ein leichter Rückgang um 1,3% auf 1.576 Unfälle. In Baden-Württemberg werden beginnend ab dem Jahr 2012 Unfälle mit Elektro-Fahrrädern statistisch separat erfasst: Mit weiterhin starker Zunahme der Verkaufszahlen stieg auch deren Unfallbeteiligung. 2012 wurden insgesamt 50 Verkehrsunfälle unter Beteiligung von Fahrrädern mit elektrischer Trethilfe (sog. Pedelec) bzw. mit einer elektrischen Anfahrtshilfe bis 6 km/h aufgenommen, was einer Zunahme von 150% gegenüber dem Vorjahr entspricht. Dabei wurden ein Fahrer getötet (2011: zwei) und 17 schwerverletzt (2011: acht). Definitive Aussagen zu den mit den neuen Fortbewegungsmitteln einhergehenden Gefahren wird es aber erst geben, wenn über mehrere Jahre zuverlässige Zahlen erhoben werden konnten.

Die Polizei hat weiterhin ein verstärktes Augenmerk auf die Verkehrsgruppe der „Jungen Erwachsenen“: Obwohl sie nur 8,9% der Gesamtbevölkerung ausmachen, waren sie überproportional hoch am Unfallgeschehen beteiligt. Ihr Anteil an allen für die Unfallursachenforschung bedeutsamen Unfällen lag mit 4.826 Verkehrsunfällen bei 25,9%. Trotz eines Rückgangs um 14,3% stammte 2012 jeder fünfte Verkehrstote aus dieser Altersgruppe (18 von insgesamt 89). Weit über die Hälfte dieser Verkehrsunfälle (58,2%) wurden von den jungen Verkehrsteilnehmern selbst verursacht.

Verkehrsüberwachung

Die Polizei führte auch 2012 im Regierungsbezirk Tübingen regelmäßige Verkehrsüberwachungsmaßnahmen durch. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Bei insgesamt 142 Kontrollaktionen wurden 1.772 motorisierte Zweiräder überprüft und dabei 859 Fahrer beanstandet (in 488 Fällen wegen überhöhter Geschwindigkeit und in 157 Fällen wegen technischer Mängel), was einer Beanstandungsquote von 48,5 % entspricht.

Mit mobilen Geschwindigkeitsmessanlagen wurden 64.738 Geschwindigkeitsüberschreitungen festgestellt, weitere 9.784 Verstöße mittels flächendeckend zur Verfügung stehender Laser-Handmessgeräte.

Wegen des Verdachts des Fahrens unter Alkoholbeeinflussung wurden bei 1.939 Verkehrsteilnehmern Blutentnahmen angeordnet, die in der Mehrheit der Fälle (1.590) auch zu Strafverfahren führten. Insgesamt 1.387 Bußgeldverfahren wurden auf Grund durchgeführter Atemalkoholtests eingeleitet. Die Grenzen zwischen Bußgeld- und Strafverfahren sind fließend: Strafverfahren sind bereits ab einem festgestellten Blutalkoholwert von 0,3 Promille einzuleiten, sofern bei einer Person entsprechende Ausfallerscheinungen bemerkt werden.

Insgesamt 862 Verkehrsteilnehmer standen im Verdacht des Drogenmissbrauches. Bei den durchgeführten Blutuntersuchungen konnte in 778 Fällen mindestens ein Betäubungsmittelstoff nachgewiesen werden.

Im Rahmen der Überwachung des gewerblichen Güter- und Personenverkehrs wurden 17.018 Fahrzeuge überprüft. Hierbei mussten 8.110 (47%) aller kontrollierten Fahrzeuge und/oder Fahrer beanstandet werden. In 256 Fällen musste wegen erheblicher technischer Mängel und in 245 Fällen wegen unzureichender Ruhezeit und Übermüdung die Weiterfahrt für mindestens 9 Stunden untersagt werden. Die in diesem Bereich von den Dienststellen im Regierungsbezirk Tübingen eingeleiteten 151 Verfallsverfahren (Gewinnabschöpfung im Rahmen von Ordnungswidrigkeiten) erbrachten eine Abschöpfung von rund 119.260 EUR. Diese Summe fließt in den Landeshaushalt.

Über die alltäglichen Gurtkontrollen hinaus, wurden im März und September 2012 europaweit abgestimmte Kontrollaktionen durchgeführt. Hierbei haben die Beamtinnen und Beamten der acht Polizeidirektionen im Regierungsbezirk bei 458 Kontrollen insgesamt 3.053 Personen wegen Nichtanlegens des Sicherheitsgurtes und 507 Fahrzeugführer infolge der Benutzung eines Mobiltelefons während der Fahrt beanstandet. In 130 Fällen stellten die kontrollierenden Beamtinnen und Beamten fest, dass mitfahrende Kinder nicht oder nicht ausreichend gesichert waren.

Ausblick:   Um insbesondere die Zahl der Verkehrsunfalltoten weiter zu reduzieren, bedarf es konsequenter Verkehrsüberwachungsmaßnahmen, hauptsächlich im Bereich der erkannten Hauptunfallursachen (Geschwindigkeit, Gurt-/Helmakzeptanz, Alkohol- oder Drogenmissbrauch). Für 2013 hat die Polizei im Regierungsbezirk bereits wieder zahlreiche saisonale Aktionen und die Beteiligung an verschiedenen landes-, bundes- und euroweiten Kontrollaktionswochen geplant. Neben der Verkehrsüberwachung wird die polizeiliche Verkehrspräventionsarbeit ihren hohen Stellenwert beibehalten.

Verkehrsunfallbarometer 2011/2012

VU-Barometer

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