Stadtstreicher Nr.96

Unsere Stadtmitte im Angebot

Langsam wird sichtbar, welch eine bauliche Wunde mit dem Abbruch des Götzburg-Areals in die Stadtmitte gerissen wird. Zur Zeit sieht es wie nach einem größeren Bombenabwurf aus. Allerdings, am Bauzaun ist die neue städtebauliche Situation schön farbig aufgemalt. Alles ist wunderbar, zumindest auf dem Papier. Aber Prospekte sind, wie man weiß, recht geduldig. Man kann nur hoffen, dass wenigstens diese angedachten Pläne auch wirklich umgesetzt werden. Sind sie da sicher? Nun, man kann da immer noch seine Zweifel haben. In den letzten Tagen ist in allen Zeitungen die Verkaufswerbung für die Wohnungen angelaufen. Neben den vielen Neugierigen wird sich bald herausstellen, welche Anziehung Bad Buchau auf auswärtige Kaufinteressenten ausüben wird. Da spielt die vorhandene Infrastruktur unserer Stadt eine entscheidende Rolle.

Der Stadtstreicher wundert sich, dass diese Verkaufswerbung nicht schon vor Beginn der Abbrucharbeiten durchgeführt wurde. An und für sich ist es üblich den Markt schon vor der Planung, spätestens nach dem Baugesuch abzuklopfen. Auf jeden Fall vor Beginn des Vorhabens. Oder hat man absichtlich so lange gewartet? Warum? Nun der städtische Bebauungsplan lässt schließlich eine ziemlich große Bandbreite an Änderungen bei der Bauausführung offen. Wenn die Wohnungen über dem lukrativen Großmarkt nicht verkauft werden können, lässt man sie eben wegfallen. Baurechtlich nach dem rechtskräftigen Bebauungsplan wäre dies jederzeit möglich. Dann steht eben der Großmarkt ohne Wohnungen da. Natürlich hofft auch der Stadtstreicher, dass dies nicht geschieht, denn es wäre städtebaulich eine ernüchternde Abwertung. Bei entsprechenden Beschlüssen des Gemeinderats hätte man das schon verhindern können. Aber wäre der Investor dann überhaupt in das Vorhaben eingestiegen? Nun, liebe Bürger, lasst Euch diese Chance nicht entgehen, kauft Eigentumswohnungen in bester Lage. Bei den Banken gibt es sowieso kaum mehr eine Verzinsung des angesparten Kapitals. Näher an einen Großmarkt kommt man sicher in keiner Stadt mehr hin. Wahrscheinlich kann hier direkt an die Wohnungstür geliefert werden. Da kann man im Alter auf Nachbarschaftshilfe verzichten. Warten wir einmal ab, wie das Experiment gelingt.

Wenn man den Abbruch des jüngsten Fabrikteils in Betonbauweise verfolgt und die Nachrichten der letzten Wochen hört, kommen einem verschiedene Gedanken. Wie froh wären die über tausend Toten in Bangladesch gewesen, wenn diese in so einem Gebäude ihrer Arbeit hätten nachgehen können. Bei uns steht so etwas am falschen Platz, dort fehlt es. So ist das mit den Gütern dieser Welt. Bloß in manchen Erdteilen, sind die Menschen schon fürchterlich beschießen dran. Diese müssen mit wirklich nichts auch noch zufrieden sein. Jetzt, im Nachhinein, werden unsere Weltmarktfirmen plötzlich wach und verwundern sich. Ja, sie unterzeichnen Verträge, wie es künftig viel besser werden kann, weil sie ein paar Cent mehr für die Herstellung zu zahlen bereit sind. Und schon sind wieder alle beruhigt und haben ein reines Gewissen. Die Toten gehören in die Vergangenheit. Vielleicht bricht es in diesem Fall sogar die Spitze des Eisberges aber ein besseres Leben für diese Menschen bleibt in weiter Ferne. Entschuldigung, aber diese Betrachtung drängte sich auf.

Insofern haben wir mit der Umgestaltung unseres Götzburg-Areals wirklich keine Sorgen, egal was am Schluss dabei herauskommt. Auf den Standpunkt und auf den Ausblick kommt es im Leben an.

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