Lina E., linke Gewalt und Verbrecher

Der Fall von Lina E., die eine linksextremistische Kommandotruppe angeführt haben soll, verweist auf schwerwiegende Mißstände.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

  • Die gesamte Geschichte wird hier ausführlich dargelegt. Man kann das bei Ein Prozent analysierte Geschehen auch kurz zusammenfassen:

Am Freitag, den 6. November, führte das Landeskriminalamt (LKA) Sachsen in der antifaschistischen Hochburg Leipzig-Connewitz eine Razzia bei mehreren Linksextremen durch. Verhaftet wurde die mutmaßliche Rädelsführerin Lina E., 25 Jahre alt, Studentin an der Martin-Luther-Universität in Halle/Saale, gemeldet in ihrer Heimatstadt Kassel.

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Sie soll gemäß der in der Presse zitierten Ermittlerkreise eine rund 10köpfige kriminelle Vereinigung von Antifaschisten aus der ganzen Bundesrepublik geführt haben, die Anschläge auf rechte Personen plante und durchführte, wobei minutiöses Ausspähen der Opfer und brutale Gewalt zum Standardrepertoire zählten. Zum Einsatz seien verschiedene Waffen gekommen, beispielsweise als »zehn bis 15 Personen mit Reizgas, Schlagstöcken und Faustschlägen« (FAZ) die Besucher einer »rechtsradikalen« Gaststätte im dunkelrot regierten Eisenach angriffen.

Dessen Betreiber wurde im Dezember 2019 zudem Opfer eines gezielten und geplanten Überfalls – durchgeführt wohl durch besagte Gruppe. Während der Betreiber mit Reizgas außer Gefecht gesetzt wurde, schlugen die übrigen Täter »mit Schlagstöcken, einem Hammer, einem Radschlüssel und Stangen« (FAZ) auf ihn ein. Der Tod nicht nur dieser Person wurde in Kauf genommen.

Die Bundesanwaltschaft, welche die Ermittlungen aufgrund ihrer bundesweiten Relevanz und Tragweite übernommen hat, wirft der Gruppe weitere Straftaten vor: gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung, besonders schweren Hausfriedensbruch, räuberischen Diebstahl und Urkundenfälschung.

Das »Narrativ«, wonach der Linksextremismus sich primär gegen »Sachen« richte, erhält somit weit über rechte Kreise hinaus tiefe Risse. Die bisweilen auch von offiziellen Stellen kolportierte Erzählung und damit nicht nur in der Politikwissenschaft ernstlich reproduzierte Legende, zeichnet das Bild eines militanten »Rechtsextremismus«, der sich generell durch seine massive Gewalt gegen Menschen auszeichne, während »linke Aktivisten« lediglich Sachwerte beeinträchtigen würden.

Daß dieser bisher unangefochtene Propagandaerfolg der linken Szene, der speziell bei bundesdeutschen Journalisten reüssiert, die zu einem erklecklichen Teil freilich selbst aus der radikalen Linken stammen, meilenweit an der Realität vorbeigeht, erleben Nichtlinke seit Jahren am eigenen Leib. Es spielt hierbei erwiesenermaßen keine Rolle, aus welchem Spektrum des konservativen und rechten Lagers betroffene Personen stammen.

Die Gruppe um Lina E. praktizierte – ausgehend von dem Kenntnisstand heute – im Sinne der langen Elendsgeschichte antifaschistischer Barbarei nichts Neues. Sie tat es nach allen Erkenntnissen aber mit einer professionellen wie klandestinen Selbstverständlichkeit, die es nicht nötig hat, sich in gutmenschliche Phraseologie zu kleiden, um das Antlitz des eigenen Tuns zu verdecken.

Diese unverhohlen ausgelebte Gewalttätigkeit gegen Andersdenkende irritiert derweil den Verfassungsschutz, aber auch »seriöse« Medien: Linksextremisten würden »zunehmend enthemmter« agieren und den Tod von Opfern »billigend in Kauf« nehmen. Eine Erkenntnis, die in den letzten Jahren stets als rechte Zuspitzung oder Dramatisierung verworfen wurde.

Doch allein die geballten linksextremen Angriffe auf das ehemalige Hausprojekt in Halle in der Adam-Kuckhoff-Straße 16, die von der dortigen Stadtgesellschaft als »vielfältiger«, »bürgerlicher« Protest gegen ein »rechtes Schulungszentrum« relativiert bis verherrlicht wurden, zeigen, was zum Standardrepertoire linker Gewalt gehört und wie dabei der Tod von Menschen als mögliche Option einbezogen wird.

Unterschiede und neue Tendenzen bei jüngsten Entwicklungen lassen sich gleichwohl feststellen:

Denn auch »mittige« Organe wie Welt, FAZ und Co., die beim »Kampf gegen Rechts« ihrer linksliberalen Konkurrenz in nichts mehr nachstehen, können nicht länger vor ihren Lesern verbergen, welch massives linksextremes Gewaltpotential in den letzten Jahren und Jahrzehnten in der Bundesrepublik herangezüchtet und mit Safe Spaces ausgestattet wurde.

Das Bewußtsein für linke Alltagsgewalt in der BRD dürfte damit unweigerlich steigen, obschon sowohl GEZ-Presse als auch TV-Privatsender bis dato alles dafür tun, den Fall Lina E. zu verschweigen oder als Randnotiz untergehen zu lassen.

Während diverse TV-Journalisten etwa nach der Querdenken-Demonstration in Leipzig einzelne Teilnehmer zu Hause »ausfindig« machten und sie konfrontierten, warum sie dort auf die Straße gingen und warum sie potentiell gewaltbereit gewesen sein sollen, sucht man beim Connewitzer Fall nach entsprechenden Aktionen der GEZ- wie Privatpresse vergeblich.

Das hat seinen Grund nicht nur in ideologischen Vorlieben der Journalisten (92 Prozent der ARD-Nachwuchsjournalisten für Rot-Rot-Grün!), sondern auch darin, daß die Reporter selbstverständlich realistisch einschätzen können, wo tatsächlich Gefahr droht – und wo nicht.

Während also ein Besuch von kritischen Journalisten in und um Connewitz umgehend für Gewaltanwendung seitens der dortigen Antifaschisten führen würde, bleiben die zahllosen Heimsuchungen rechter Akteure der letzten Jahre ohne entsprechende Folgen: rechte Gewaltbereitschaft ist eben in weiten Teilen ein konstruierter Popanz.

Dennoch hält sich – von Mainstreampresse über Wissenschaft bis in den Alltagsverstand vieler Menschen hinein – hartnäckig die Unterscheidung in »linke Militanz« (vernachlässigbar) und »rechten Terror« (omnipräsente Bedrohung). Es verhält sich also so, wie es Antifa-Akteure der von ihnen getriebenen »Mitte« vorbeten. https://platform.twitter.com/embed/index.html?dnt=false&embedId=twitter-widget-0&frame=false&hideCard=false&hideThread=false&id=1227578476380741632&lang=de&origin=https%3A%2F%2Fsezession.de%2F63601%2Flina-e-linke-gewalt-und-kontrollverlust&siteScreenName=https%3A%2F%2Fsezession.de%2Flina-e-linke-gewalt-und-kontrollverlust&theme=light&widgetsVersion=ed20a2b%3A1601588405575&width=550px

Gewiß: Derartiges festzustellen heißt nicht, ausschließlich brandneue Erkenntnisse vorzuweisen. Aber solange die Wahrnehmung linker Alltagsgewalt auf Rechte jeder Schattierung beschränkt bleibt, mußte auch das Problembewußtsein auf diese marginalen Milieus und ihre unmittelbaren Umfelder beschränkt sein.

Dies ändern medial präsente Ermittlungserfolge neuer Einheiten wie der sächsischen »Soko LinX« ebenso wie blank liegende Nerven antifaschistischer Gewalttäter, die immer neue Opfergruppen in den Fokus nehmen. So hatten im Zuge der Querdenkendemo nichtrechte Demonstrationsteilnehmer unerwartete Begegnungen mit dem linken Furor.

T-Online zählt zu den wenigen Medien, die überhaupt berichteten:

Am Samstag gegen 20 Uhr hatten ein großer Reisebus und ein Kleinbus offenbar an einer roten Ampel am Herderpark anhalten müssen. Dann seien Mülltonnen vor den vorderen Bus geschoben worden, berichtete eine Frau, die nach ihren Angaben und nach Recherchen von t-online im Bus saß. Sie gehörte zu einer Gruppe abreisender Teilnehmer der „Querdenken“-Kundgebung aus dem Raum Dortmund.

Unmittelbar danach flogen Steine und Flaschen auf die Busse. „Wir haben uns auf den Boden gelegt“ , berichtete die Frau t-online. Mehrere Dutzend Menschen hätten plötzlich um den Bus gestanden. „Es wurde dann im Bus gerufen, der Fahrer soll weiterfahren, damit der Bus nicht gestürmt wird.“

Diese konzertierte Aktion zeigt gut auf, wie extreme Linke reagieren, die wenige Stunden zuvor eine beispiellose Art der Niederlage im eigenen zentralen Wirkungsraum hinnehmen mußten.

Denn der ganze Demotag des 7. November (einerlei, wie man zu derartigen Veranstaltungen stehen mag), steht synonym für den totalen Kontrollverlust des antifaschistischen Kartells in seiner Hauptstadt Leipzig. Nun sollte man sich nie voreilig freuen; der Gegenstoß wird kommen. Eines der Ziele dürfte die unabhängige Gerichtsbarkeit werden, die radikal umgestaltet werden soll, damit derartige Versammlungen nicht mehr möglich werden.

Aber ungeachtet dieser Einschränkung wird evident, daß diese neuartigen, quer zu bisherigen Lagergrenzen verlaufenden Demonstrationen das klassische Antifa-Agieren vor unerwartete Probleme stellt. 100 Jungnationalisten können blockiert, 200 Identitäre eingekesselt, 300 Trauermärschler aus einer Stadt gedrängt werden. Aber wie umgehen mit 45.000 Menschen aller Altersgruppen und Schichten, von denen nur ein Bruchteil – vielleicht 1000, vielleicht 2000? – aus rechten oder radikal rechten Zusammenhängen kam?

Gut 2000 Antifas stellten sich sportlich formiert, aber wirkungslos dem Aufzug der Querdenker entgegen, und das in Leipzig, am Tor zur Südvorstadt, deren Hauptverkehrsader wiederum ins Herz des roten Leipzigs führt, das auf Langtransparenten angerufen wurde: »Leipzig bleibt rot!«

Gewiß, das bleibt die Messestadt in weiten Teilen auf unbestimmte Zeit. Nur kann auch linke Militanz und der marktschreierisch-verzweifelte Versuch, 45.000 Menschen unter Naziverdacht zu stellen (und damit zum Abschuß freizugeben), nicht verschleiern, daß die extreme Linke in Leipzig an diesem Tag nichts auszurichten hatte und daß – vom erwähnten Bus abgesehen – sogar ihre Angriffe auf querdenkende Fußballfans immer wieder schlagfertig pariert wurden und verpufften.

Peinlich müssen auf Beobachter jene linken Bemühungen nach dem 7. November wirken, härtere Gangart der Polizei gegenüber den Querdenkern einzufordern. Denn wenn die Polizei bei linken Demonstrationen auch nur filmt oder banale Personenkontrollen durchführen möchte, die jeder nichtlinke Stadiongänger oder Demonstrant aus dem Effeff kennt, ist bei Antifaschisten die Rede von Polizeistaat und Repression.

Aber auf der anderen Seite fordern sie, daß Demos von Andersdenkenden brutal aufgelöst werden. Das ist nicht nur bigott – wie auch die klägliche Skandalisierung durch einen antifaschistischen Fotoreporter, wonach »Rechtsradikale« ihn fotografierten: Wozu denn?, so der entrüstete Journalist –, das zeigt auch die Analyseschwäche der neuen Linken in für sie neuen Situationen mit neuen Akteuren.

Sicherlich: Eine Ansammlung von 45.000 Hippies, Impfgegnern, Coronaskeptikern, Coronamaßnahmenkritikern, Patrioten jeder Schattierung, geläuterten Alt-Linken und vielen weiteren Personenspektren macht noch keine »Querfront«; das wäre etwas wesentlich anderes.

Aber: Hier versammelt sich ein diffuses und zugleich wachsendes Potential des Aufbegehrens, das einerseits mit klassischen antifaschistischen Schwarz-Weiß-Zeichnungen nicht in den Griff zu bekommen ist. Und andererseits wird der Riß auch durch die Linke selbst gehen, die – abgesehen von Sahra Wagenknecht – jenseits ihrer militanten Machtpolitik in der gesamten Coronakrise orientierungslos vor sich hin taumelt.

Lokale Austritte aus Linksfraktionen – wie im Saalekreis (Sachsen-Anhalt) ganz aktuell – sind das eine, interne Verwerfungen auf Bundesebene, weil den Burgfrieden notorisch störende Bundestagsabgeordnete Coronaskeptiker unterstützen, das andere, und die kommende Militanzdebatte, weil sich Linksparteiabgeordnete wie Juliane Nagel ganz selbstverständlich vor Lina E. und Genossen stellen, wiederum etwas eigenes, was noch dadurch verschärft werden dürfte, daß man links der Mitte keine eigene Kritik der Coronamaßnahmen und ihrer harten sozialen sowie ökonomischen Folgewirkungen erarbeitet hat.

Derartige interne Konflikte – und es gibt, wie in Blick nach links und anderswo analysiert, reichlich mehr – treffen die gesamte Linke in einem Zustand der Ratlosigkeit, über den militante Aktionen gegen rechte Kampfsportler, AfD-Politiker oder NPD-nahe Kneipenwirte keinesfalls hinwegtäuschen können. Sie stellen vielmehr Ablenkbewegungen dar.

Bernd Stegemann, ein Dramaturg aus dem Umfeld der restlinken Vernunft um Wagenknecht, hat verschiedene Stränge der Kritik an der tonangebenden Linken in seinem Beitrag für die Wochenzeitung der freitag verdichtet.

Es geht um manische Identitätspolitik, fehlende Islam- bzw. Religionskritik und um die Unfähigkeit der heutigen Linken, nicht nur (systemkonform) einseitig »gegen Rechts«, sondern tatsächlich systemkritisch zu denken.

Diese Pulverisierung einer authentischen Linken, so nun Stegemann, helfe »vor allem der Kapitalseite, da sie die Bruchlinien strategisch für ihre Interessen nutzt«:

Globaler Kapitalismus bedeutet: Amazon, Google und Co. sind gegen Diskriminierung, bekämpfen aber Gewerkschaften und vermeiden Steuerzahlungen.

Die tonangebende Linke ist mit dem Woke Capital, also den politisch korrekt auftretenden Kapitalgruppen, im Bunde – sie bekämpft es nicht, weil man sich einig weiß in der Hoffnung auf eine offene, emanzipierte Gesellschaft freier Individuen ohne so lästige Hindernisse wie Familie, Volk und Nation.

Aus Klassenkämpfern wurde die Sprachpolizei, aus Solidarität mit den Schwachen der Fetisch des Unterdrückens.

Stegemann dazu:

Einst wollte linke Politik die Lasten und Pflichten in der Gesellschaft solidarisch verteilen, heute wird jeder Einzelne danach beurteilt, ob er der herrschenden Moral genügt. Dass die herrschende Moral die Moral der Herrschenden ist, ist dabei links der Mitte vergessen worden. (…) Vielen Linken scheint es nicht mehr um die Befreiung der Menschen aus bedrückenden Verhältnissen zu gehen, sondern um die Erziehung ihrer Mitbürger.

Und der Berliner Publizist und gescheiterte »Aufstehen«-Motor kommt zu einem (für Sezession-Leser durchaus bekannten) Fazit:

Die „woken“ Linken sind die Kettenhunde des Kapitals, denn sie halten sein Image sauber, indem sie schmutzige Worte anprangern und diese Reinheit als zivilisatorischen Gewinn verkaufen. Die Ausbeutung der Welt steigert sich, aber wir versehen die Ausgebeuteten heute mit einem Gendersternchen.

Es liegt auch an dieser Kollaboration der Linken mit den Herrschenden der »Mitte«, daß ihnen zu Coronamaßnahmen und Folgeproblemen für die Unter- und Mittelschichten ebensowenig einfällt wie zum unglaublichen Profit der Krisengewinnler in Gestalt der digitalen Kapitalisten von Amazon und Co.

Man verfolgt kein wirklich alternatives Programm, und das Träumen vom Paradies ist ohnehin passé. Vielleicht spricht das für eine zunehmende Infantilisierung im Zeichen von »Kampf gegen Rechts« und der Verlagerung in klimaideologische Nischen. Vielleicht spricht es aber auch für die zunehmende Desillusionierung, was eigene große Entwürfe betrifft.

Der linke Ideologiekritiker Wolfgang Pohrt notierte ganz in diesem Sinne lakonisch:

Für ein funktionierendes Paradies braucht man Engel. Die Menschen sind keine.

Die einen Kräfte der Linken führt diese Erkenntnis in die einseitige Fokussierung auf »weiche«, immaterielle Fragen der Identitätspolitik, bei anderen Kräften der Linken führt dies in die einseitige Fokussierung auf kriminelle Anti-Rechts-Militanz: Engel werden zu Dämonen.

Frappierend bleibt allein, wie es Stegemann, Wagenknecht und Konsorten in diesem Irrenhaus aushalten und sich tagtäglich aufopferungsvoll für dessen Sanierung einsetzen. Man wird es wohl abreißen müssen.