Impfstoffnationalismus: Wie der Brexit der EU hilft, das eigene Versagen zu tarnen

Verpokert, versagt, zu wenig bestellt, zu viel versprochen.

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Verpokert, versagt, zu wenig bestellt, zu viel versprochen. Einen Monat nach dem groß gefeierten beinahe gemeinsamen Impfbeginn in der EU steht der Friedensnobelpreiskontinent vor den Trümmern einer „Impfstrategie“, die auf zentralisierte Planwirtschaft setzte und ihr Hauptaugenmerk darauf richtete, gerecht und billig einzukaufen. Die EU-Kommission hat viel geordert, aber nicht das richtige, sie hat hauptsächlich dort eingekauft, wo bis heute nichts zu holen ist außer Applaus des französischen Präsidenten – und mittlerweile leidet die Bundesregierung so stark unter ihren früheren Erklärungen, das sei genau so gewollt gewesen, dass der Gesundheitsminister alles zu tun bereit scheint, um das eigene Mittun an der Organisation des bislang größten Corona-Desasters auf dem weltweit am härtesten von der Seuche betroffenen Kontinent vergessen zu lassen.

Noch in der vergangenen Woche sollte Gesundbeten gegen den wachsenden Missmut im Land helfen. Die Kanzlerin selbst versprach ein „Impfangebot“ an alle bis zum Ende Sommers, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Die EU-Chefin versprach sogar, 70 Prozent aller EUropäer bis zum Sommer zu impfen. Deutschland aber müsse aufhören, die EU für die Impfpleite verantwortlich zu machen. man habe immer genug bestellt gehabt und später sogar noch einmal nachbestellt.

Oma auf der Barrikade

Doch die Berichte von der Impffront lassen mittlerweile sogar die Fankurve vom Glauben abfallen: Es mehren sich die Berichte über überlastete Hotlines zur Terminvergabe, zusammenbrechende Internetseiten und Impfzentren, die auf Wochen hinaus keine Impfstofflieferungen mehr erwarten. Die Hochbetagten, eine traditionell folgsame, disziplinierte und leicht ruhigzustellende  Bevölkerungsgruppe, muckt auf. Man fühle sich doch veräppelt, zürnen rüstige Rentner, das könne doch alles nicht wahr sein, granteln nicht mehr nur Meckerer und Kritikaster in Sachsen, sondern bundesweit. Oma ist auf der Barrikade, Opa sitzt zornrot am Telefon. Selbst in den Medien ist ein Hauch von Ungeduld und Unverständnis zu erahnen.

Es droht Ungemach in den Umfragen, ein finaler Abfall vom Glauben, Deutschland sei doch, alles in allem, supergut durch die Pandemie geflutscht. Das schürt Panik im politischen Überbau. Plötzlich will der Kanzleramtsminister die kurze Karriere der Schuldenbremse beenden, die EU-Chefin fordert irgendetwas mit „Transparenz“ und der Gesundheitsminister droht, die EU-Grenzen für Impfstoffe zu schließen wie letztes Jahr alle EU-Staaten ihre Grenzen für Masken, Handschuhe und Beatmungsgeräte geschlossen hatten. 

Verwaltungsebene im Ausnahmezustand

Die höchste Verwaltungsebene ist im Ausnahmezustand. Hatte man sich eben noch geeinigt, dass die Grenzen diesmal offenbleiben müssen, droht denen nun dasselbe Schicksal wie den Schulen und Kindergärten, von denen es im Herbst noch hieß, zugemacht wie im Frühjahr dürften die nie wieder werden. Für die als „drastische Einschränkung des Reiseverkehrs“ umschriebene umfassende Verkehrskontrolle wird das von der „Tagesschau“ gerade noch für den deutschen Impfstoffnotstand verantwortlich gemachte Israel zum Vorbild. Klappe zu, Mutante tot.  

Auch der Impfstoffnationalsmus, vom Bundespräsidenten schon vor Monaten als schädliche Geste globaler Entsolidarisierung angeprangert, erhebt sein hässliches Haupt. Nun ist er die letzte Hoffnung auf ein paar Momente Ablenkung. Flankiert vom Gerücht, das Vakzin des britisch-schwedischen Herstellers wirke bei Älteren gar nicht richtig, warum also ungeduldig sein, ihr Alten im Lande!, spielt Jens Spahn die Regulierungskarte. Dass der Pharmakonzern AstraZeneca Großbritannien weiter beliefere, die EU-Staaten aber nicht, die seinen Impfstoff auch vier Wochen nach der Zulassung im Reich des verrückten Boris noch immer nicht zugelassen haben, ist für Spahn unerhört. 

Der Brexit als Glücksumstand

Aber ein bisschen auch ein großes Glück. Denn weil der Brexit Anfang des Jahres endlich doch noch richtig inkraftgetreten ist, lassen sich ganze Fernseh-Talkshows nun mit der Forderung nach einem Exportverbot für in der EU hergestellte Impfstoffe in arme Länder außerhalb der Union bestreiten. Wäre Großbritannien noch Teil der traurigen Impf-Union, fiele diese Forderung aus. So aber kann das Versagen beim Einkauf durch Tatkraft beim Androhen planwirtschaftlicher Eingriffe zumindest verbal korrigiert werden. Wer als Impfstoffhersteller die Wahl hat, wird seine Schlüsse ziehen. Und seine nächste Produktionsanlage sicherheitshalber gleich außerhalb der EU in Betrieb nehmen.

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