Die anderen Deutschtürken glühende Anhänger der Demokratie. Von Canan Topçu

Integration: Gegner des türkischen Präsidenten Erdoğan bei einer Demonstration 2014 in Köln

Die allermeisten. Die meisten. Sehr viele. Eines dieser Wörter taucht fast immer auf, wenn es in deutschen Medien um uns geht – genauer: um uns Deutschtürken und um unser Verhältnis zu unserem Herkunftsland und dessen Staatspräsidenten. Berichtet wird, dass die allermeisten, beziehungsweise sehr viele von uns, Anhänger von Recep Tayyip Erdoğan seien. Ich frage mich: Auf welche Untersuchungen und Umfragen beziehen sich all die Experten und Journalisten, die mit den genannten Adjektiven unsere Einstellungen und unser Verhalten beschreiben, bewerten und uns eben auch quantifizieren?

Denn die Wahrheit ist: Solche Untersuchungen gibt es nicht. Weder lässt sich eindeutig sagen, wie hoch der Anteil der Erdoğan-Anhänger und Gegner unter den Deutschtürken ist, noch liegt eine umfassende Studie zu den Motiven vor, die die beiden Gruppen für ihre Haltung haben.

Dafür gibt es fragwürdige Interpretationen. Dass die Mehrheit der Deutschtürken auf Erdoğans Seite sei, wird oft mit dem Ergebnis der Parlamentswahlen vom Herbst 2015 begründet: Rund 60 Prozent der Stimmen aus Deutschland gingen an die AKP.

Dabei wird aber nicht bedacht, dass nur ein Drittel der rund 1,4 Millionen stimmberechtigten Deutschtürken sich überhaupt an der Wahl beteiligten – und zwar vor allem diejenigen, die sich mit Erdoğan identifizieren und ein unreflektiertes Bild ihrer Heimat in sich tragen. Andere Stimmberechtigte zogen es vor, am Wahltag etwas Schöneres zu machen.

All die, deren emotionale Bindung an das Herkunftsland nicht an die Staatsangehörigkeit geknüpft ist, sind ohnehin längst eingebürgert und wollen politisch in dem Land partizipieren, in dem sie leben und auch bleiben werden. Es ist daher irreführend, wenn der Stimmanteil für die AKP so ausgelegt wird, als wären 60 Prozent aller Deutschtürken Erdoğan-Anhänger.

Ich bezweifle, dass die Mehrheit der Deutschtürken ein Faible für Erdoğan hat. Natürlich kann auch ich das nicht belegen, weil es, wie erwähnt, an repräsentativen Studien mangelt. So viel steht aber fest: All die, die mit Erdoğan rein gar nichts anfangen können, ärgert es, in einen Topf mit dessen Anhängern geworfen zu werden.

„Wir fühlen uns vernachlässigt“

Meine deutschtürkischen Freunde und ich sind genervt davon, dass sich die Medien auf die Erdoğan-Fans fokussieren und so dazu beitragen, dass in der öffentlichen Wahrnehmung ein Bild von Deutschtürken entsteht, das unserer Ansicht nach unvollständig ist. Wir, die integrierten Deutschtürken, wir, die wir uns mit diesem Land identifizieren, wir, die es sehr zu schätzen wissen, in einem Rechtsstaat zu leben – wir fühlen uns vernachlässigt.

Wir werden viel zu wenig gesehen und gehört. Wir wünschen uns, dass die deutschen Medien ihren Blick stärker auf uns richten. Das wäre auch ein starkes Signal in Richtung Erdoğan: Er müsste erkennen, dass es durchaus viele Türkeistämmige gib, die sich mit Deutschland und dem hiesigen politischen System identifizieren und ihn und seine Politik ablehnen. Doch wir, die demokratieverbundenen Deutschtürken, sind für die Medien jedoch offensichtlich nicht interessant genug.

Auch wir lieben die Türkei

Stattdessen zeigen die Redaktionen lieber Deutschtürken, die Sätze sagen wie „Ich liebe Erdoğan“, „Er guter Mann, macht viel für Türkei“, „Türkei meine Heimat, Erdoğan mein Staatspräsident“. Dass sie kaum nachvollziehbar erklären können, warum sie sich so sehr mit Erdoğan identifizieren, stört nicht. Das machen andere für sie, nämlich die sprachlich eloquenten und gut ausgebildeten Handlanger von Erdoğan in der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), dem europäischen Ableger der türkischen Regierungspartei AKP.

Auch wir Erdoğan-Kritiker lieben die Türkei, weil wir schöne Kindheits- und Urlaubserinnerungen mit dem Land verbinden und Verwandte und Freunde dort haben. Trotzdem übersehen wir nicht, dass Erdoğan die Menschenrechte mit den Füßen tritt, Andersdenkende zu Terroristen erklärt und sie einsperren lässt. Allerdings macht uns nicht nur die Entwicklung in der Türkei traurig und wütend, sondern auch, dass die „Dumpfbacken“ das Bild der Deutschtürken hierzulande bestimmen.

„Dumpfbacken“. Dieses Wort verwendet einer meiner Freunde als Synonym für all die, die Feuer und Flamme für einen Staatspräsidenten sind, der immer mehr zum Diktator wird. Wir ärgern uns über diese „Dumpfbacken“, aber auch darüber, dass ihre bedingungslose Liebe zu Erdoğan mit ihren Ausgrenzungserfahrungen und der fehlenden Anerkennung hierzulande erklärt oder gar entschuldigt wird. Erdoğan-Anhänger selbst verwenden gerne das Opfer-Argument, um ihre Liebe für den büyük lider, den großen Führer, zu begründen.

„Dann geh doch rüber“

Ein guter Freund hat unlängst auf seiner Facebookseite darauf hingewiesen, dass hier keine Deutschtürken an der Ausreise gehindert werden. Wer also meine, dass mit Erdoğan die Verhältnisse in der Türkei viel besser geworden seien, der solle doch bitteschön seine Sachen packen und gehen. Ich ertappe mich, offen gestanden, auch bei solchen Gedanken – und bin dann aber ganz erschrocken, weil das ja nichts anderes ist als das, was Rechtspopulisten fordern.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-03/deutschtuerken-recep-tayyip-erdogan-gegner-anhaenger

Ein Kommentar zu Die anderen Deutschtürken glühende Anhänger der Demokratie. Von Canan Topçu

  1. Türk jetzt deutsch sagt:

    so geht Demokratie in der Türkei, das wollen wir hier in Deutschland ganz bestimmt nicht haben.
    Mehr als 36.000 Menschen wurden bislang inhaftiert und 75.000 aus ihren Diensten entlassen. Dazu gehörten auch Mitarbeiter der Sicherheitskräfte, der Justiz und des Bildungswesens. Zu den Verhafteten zählen außerdem Journalisten, wie der Welt-Auslandskorrepondent Deniz Yücel.

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