Der Stadtstreicher – Kolumne 13

Wahrheit. Nun ich bin Stadtstreicher kein Philosoph, Denker oder Dichter und schon gar kein Theologe. Es gibt kaum einen anderen Begriff, über den so viel nachgedacht, philosophiert und gedeutet wurde. In diese Höhen will ich mich nicht aufschwingen, sondern auf dem Boden bleiben. Da habe ich gelesen: „Den Begriff der Wahrheit kann man alltagssprachlich grundsätzlich von der Falschheit, der Lüge oder dem Irrtum abgrenzen.“

Damit kann ich selbst in meinem Milieu etwas anfangen. Und die Wahrheit wird mir auf meinem kargen Lager vielleicht deutlicher vermittelt als Jemandem, der in einer Villa wohnt oder mit seiner Traumjacht die Welt umsegelt. Die Abgrenzung zum Irrtum fällt mir da manchmal gar nicht so schwer. Und schon sind wir mitten drin in der großen Bandbreite von Wahrheit. Die Wahrheit hat also im Alltag verschiedene Varianten, die dem einem mehr, dem anderen weniger unter die Haut gehen. Das ist die pragmatische Seite. Ethisch bleibt Wahrheit eben Wahrheit. Aber, kann Wahrheit auch Sehnsüchte wecken? Z.B.: das Streben oder gar das Suchen nach Wahrheit ? Ganz übel wäre natürlich die Vertuschung von Wahrheit. Manche machen aus Wahrheiten dann Halbwahrheiten und rutschen unmerklich in eine Lüge hinein. Das ist kein Irrtum.

Wahrheit ist auch, dass ich schon gerne ein bisschen in der Politik herumrühre. Ich weiß auch nicht, was mich da so fasziniert. Vielleicht gerade das Thema: Wahrheit!!! In der großen Politik ist dieses Thema schnell abgehakt, da dort der Begriff nur “klein geschrieben“ wird. Da sind wir uns wohl einig. Andere „W“ haben da Konjunktur: Wirtschaftskrise, Welthandel, Währungsunion, Wachstum, Warenumschlag, Weltsicherheitsrat, Walfang, Willkür, Widerstand, Wassermangel, Wertstoffe, Welternährung….Von Lobbyisten, Egoisten und anderen Strippenziehern eingebrachte Falschheiten, Lügen und Irrtümer beherrschen da schon die Tagesordnung. Der Einzelne, ja sogar ganze Staaten stehen da in Ohnmacht.

Also bleiben wir in dem Bereich, wo wir vielleicht noch ein wenig mit zu reden haben, wo wir die Wahrheit vielleicht besser erfassen können. Überhaupt ist die Frage interessant: wird die Wahrheit von oben nach unten oder von unten nach oben durchgereicht. Ich meine in einer Demokratie müsste sie von unten nach oben vermittelt werden, da soll ja angeblich noch der Wähler der Souverän sein. Das ist aber nur möglich, wenn es noch wirklich funktioniert: der Bürger zur Wahl geht und entsprechende Auswahlmöglichkeiten gegeben sind. Aber der Wählerblock mit dem höchsten Zuwachs sind die Nichtwähler, weil sie von Personen, die dieses System repräsentieren, zu oft enttäuscht, frustriet und verdrossen wurden. Ein französisches Sprichwort sagt schon: „Im Zweifel handle nicht.“ Also habe ich für dieses Verhalten gewisses Verständnis, was aber sehr gefährlich sein kann, denn: „Der Zweifel ist eines der billigsten und daher gefährlichsten Rauschgifte.“ Hans Krailsheimer.

Ich glaube die Lösung gefunden zu haben „Nur der Mensch, der Wahrhaft mit sich selbst ist, vermag es auch gegen andere zu sein.“ Graf von Bentzel-Sternau, Weltansichten. Ein Volltreffer. Aber hier sieht’s halt schlecht aus, auch in unserer Metropole am Federsee. Da ist guter Rat teuer. Aber sicher ist es besser an der Unwahrheit zu verzweifeln, als die Wahrheit aufzugeben.

Was man doch in der Ferienzeit in Ruhe nicht alles entdecken kann.

Nachtrag:

In letzter Zeit versucht man die Wahrheit in Bad Buchau mit Mathematik zu beweisen (siehe Leserzuschriften in „amfedersee,de“). Das ist nicht der schlechteste Weg, finde ich. Zahlen sind nicht zu verbiegen und von unbestechlicher Klarheit. Kein Wunder, dass sich Bürgermeister Diesch hier erst kürzlich schon zweimal verrechnet hat.

Eine weitere „Wahrheitsempfehlung“ speziell für Bürgermeister ist mir zufällig bei meinen Ferienstudien in §7 der früheren badischen Gemeindeordnung von 1890 in die Hände gefallen: „Gegen die Gemeinde, den GemeinderatIh und Ausschuß soll der Bürgermeister aufrichtig, wahr und offen sein, keine Heimlichkeiten haben; denn Vertrauen ist ihm zu seinem Amte durchaus nöthig; wer aber Anderen nicht vertraut oder sich verschlossen und heimtückisch gegen sie zeigt, wohl gar mit Ränken und Schwänken sich abgibt, der darf nicht erwarten, daß man ihm Vertrauen schenke. Durch Aufrichtigkeit und offenes Aussprechen seiner Meinung und seiner Absicht verhütet man am besten, daß Zwiespalt und Parteiung in der Gemeinde entsteht. Hat sich gleichwohl Meinungsverschiedenheit ergeben und ist daraus Streit entstanden, so steht dem Bürgermeister, als dem stärkeren, wohl an, den ersten Schritt zum Frieden zu thun.“

Ein Kommentar hierzu ist unnötig. Diese Feststellung hat sich in 120 Jahren bewahrheitet.

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