Auflage der Stadt: Gebetet werden darf dort nicht.

Im badischen Meßkirch wird ein Kloster mit der Technik des Mittelalters gebaut. Die wichtigste Auflage der Stadt: Gebetet werden darf dort nicht. Die Geschichte eines unmöglichen Projekts

© David Czinczoll für Christ&Welt

Als der Bürgermeister Arne Zwick an einem Vormittag im Mai 2010 dieses elende Dokument auf dem Schreibtisch hatte, dachte er: „Nicht schon wieder so ein Spinner.“ Er hatte täglich solche E-Mails im Postfach. Ideen von Leuten, die Fantasie haben, aber keinen Sinn für Realität. Und jetzt lag da dieses Dokument, fünf A4-Seiten Text und Skizzen, ein Abbild des St. Galler Klosterplans aus dem 9. Jahrhundert. Gebaut sollte ein Kloster werden mit nichts als Menschenkraft und ein paar Ochsen. Mit Mitarbeitern, die allesamt in Leinenkutten herumlaufen und aus Tonkrügen trinken. Die Zahl 40 stand in dem Zeitplan. 40 Jahre, bis alles stehen soll. Und das in einer Zeit, die immer schneller getaktet ist.

Doch der Bürgermeister las weiter, es ging um den St. Galler Klosterplan. Er wurde vor über 1.200 Jahren auf der Insel Reichenau am Bodensee gezeichnet, aber nie in die Tat umgesetzt. Er liegt bis heute in der Stiftsbibliothek St. Gallen. Bis die Schweizerin Verena Scondo und der Deutsche Bert Geurten kamen und fanden: Wir setzen diesen Plan jetzt hier in die Realität um, das erste Mal überhaupt. Hier, das heißt in Meßkirch, einer Kleinstadt in Baden-Württemberg. Ein schöner Ort, aber nicht schön genug. Unbekannt bisher. Abseits vom Tourismus. Der Bürgermeister sah eine Chance. Er griff zu.

Heute zieht die Baustelle Campus Galli geschätzt 60.000 Besucher im Jahr an. Das Ziel sind 120.000 Gäste jährlich, dann würde sich dieses Unterfangen selbst finanzieren. Es ist ein realistisches Ziel. Denn Campus Galli scheint ein Bedürfnis zu erfüllen: Je weiter die Moderne fortschreitet mit ihren Überforderungen, desto mehr Menschen sehnen sich nach Ruhe, nach Schlichtheit, nach dem wahren Leben.

Man kann dieses Bedürfnis ablesen am Erfolg von Magazinen wie Walden – echte Männer zerlegen darin echte Schweine und schlafen in der Natur. Oder am Manufactum-Katalog, der mit seinen Kupfertöpfen und Garnrollen ein gutes, vorindustrielles Lebensgefühl vermittelt. Auch Kochbücher für traditionelle Gerichte boomen. Sie orientieren sich am Rhythmus der Jahreszeiten. Zwar entstand Campus Galli aus einer echten Überzeugung der Ideengeber heraus, nicht wegen eines Trends. Doch dass es so erfolgreich ist, zeigt, dass es mit seiner Hinwendung zur Vergangenheit und Langsamkeit eine Sehnsucht erfüllt.

Verena Scondo sagt, sie merke, dass die Leute immer langsamer aus dem Wald liefen, als sie hineingingen. Dieser Ort tue den Leuten gut, er beruhige sie, er gebe ihnen einen Sinn und die Würde zurück. Er lasse die Menschen auf getane Arbeit blicken, auf etwas Konkretes, einen selbst gefertigten Ziegel, eine Schindel. „Wir leben in einer so technologisierten Zeit. Die Menschen sind ein Stück weit verloren in diesen ganzen Prozessen. Sie wollen einfach mal runterkommen, die Natur spüren, etwas mit den Händen machen.“

Alles hatte vor elf Jahren angefangen, als Bert Geuten auf Arte eine Dokumentation über das französische Burgprojekt Guédelon gesehen hatte: Darin bauten die Menschen nur mit ihrer Körperkraft eine Burg, ohne Maschinen und ohne Strom. Geurten rief die ehemalige Sekretärin Scondo an: 300.000 zahlende Besucher jedes Jahr auf dieser Baustelle, sagte er in den Hörer hinein, und Verena Scondo dachte sich: Eine Aufgabe für die Rente haben, nochmals etwas erleben, mit fast 60. Es ist auch für sie ein Selbsterfahrungsprojekt.

 

Scondo ist reformierte Schweizerin aus dem Kanton Bern, ihr Glaube gibt ihr Kraft und Halt. Das Ganze habe etwas Religiöses, diese Idee vom Wert des Menschen, vom Wert der Arbeit, sagt sie. Hier werde schließlich ein Kloster gebaut, das habe an sich schon etwas Spirituelles. „Jeder, der hier arbeitet, ist irgendwie gottverbunden.“ Doch das ist nur ihre private Haltung, als Ideengeber für den Klosterbau will sie ihren Glauben keinesfalls verstanden wissen.

Auch wenn man Bürgermeister Zwick dazu befragt, winkt er ab: Es stehe klar im Pachtvertrag, dass religiöse Handlungen auf diesem Grundstück nicht erlaubt seien. „Welche Kirche würden Sie denn überhaupt darstellen wollen? Es müsste ja eine aus dem 9. Jahrhundert sein, vor der Kirchenspaltung durch Luther.“ Doch auch er sagt: Dieser Ort entwickle automatisch eine gewisse Spiritualität. „Er hat diese Ruhe. Vielleicht, weil hier mit der Zeit, mit der Natur gegangen wird.“ Das gebe dem Ort eine ganz eigene Kraft. Es ist eine Kraft, die ohne Religion auskommt.

Das macht die Sache so paradox. Es ist der wohl erste Klosterbau des Abendlandes, bei dem das Christentum unerwünscht ist.

Die Leute wollen ihr spirituelles Erlebnis lieber in selbst gemachten Schindeln finden. Verena Scondo sitzt mit ihren perfekt manikürten French-Gelnägeln und roter Kurzhaarfrisur im Container und verkauft im Minutentakt Tickets. Geduldig erklärt sie den Besuchern die Idee hinter der Sache, warum es oben auf dem Marktplatz keinen Kaffee zu kaufen gibt und wo der Töpfer gerade töpfert.

Seit 2013 ist die Baustelle für die Öffentlichkeit zugänglich. Sogar an Montagen, wenn das Tor geschlossen bleibt, stehen immer mal wieder verlorene Besucher vor dem Tor von Campus Galli und rütteln daran. An den anderen Tagen ziehen Gruppen von Menschen an Scondos Kassenhäuschen vorbei auf dem Weg Richtung Waldlichtung. Alles, was links vom Rundweg ist, wird irgendwann verbaut sein, so der Plan. Und zwar so, wie es der St. Galler Klosterplan vorsieht: eine riesige Steinkirche in der Mitte, mit Platz für bis zu 1.000 Personen. Ein Kräutergarten, ein Dormitorium für die Mönche, Arbeitsplätze für die Seiler, die Färberei, die Weberei. Eben alles, was Klostermönche zu dieser Zeit brauchten, um autark leben und arbeiten zu können.

Irgendwann sollen hier über 40 Gebäude und Einheiten stehen, es soll eine Mischung aus Freilichtmuseum und ewiger Baustelle werden. Eine Klosterstadt ohne Religion.

60 Jahre werden laut den aktuellsten Berechnungen ins Land ziehen, bis es so weit ist. Der geplante Guss einer Kirchenglocke wurde letztes Jahr abgebrochen, weil die Gussform nicht dicht war. Die Friedhofsmauer auf dem Gelände ist nur knapp 50 Zentimeter hoch, weil die Gruppe, die sie aufgebaut hat, bald wieder wegfuhr und seither keiner mehr da war, der etwas vom Mauerbauen versteht. Doch hier wartet man einfach, bis wieder wer kommt, der weitermacht. Deshalb dauert alles länger. Und kostet mehr. Die Stadt Meßkirch hatte mit 600.000 Euro für die ersten fünf Jahre gerechnet, nun sind es nach knapp drei Jahren schon 1,5 Millionen. Die Initianten haben die deutsche Bürokratie unterschätzt, die nötige Infrastruktur, die Bedürfnisse der Gäste.

Das Projekt Campus Galli ist eine Gratwanderung zwischen Plan und Zufall, zwischen Machbarem und Unrealistischem, Mittelalter und 21. Jahrhundert. Ein eigens dafür eingestellter Historiker kontrolliert jedes Gewand, jede Wurstzutat und überwacht, dass auch alles genau so im 9. Jahrhundert bereits genutzt wurde. Jeder Arbeiter holt sich beim anderen an der Station das ab, was er gerade braucht. Und so wie es im 9. Jahrhundert eben war, als Klöster gebaut wurden, werden die meisten Arbeiter die Fertigstellung ihrer Anlage nicht mehr erleben.

Um die 30 Leute arbeiten hier auf der Baustelle, viele von ihnen waren früher Langzeitarbeitslose. Sie stiegen bei Campus Galli als Ein-Euro-Jobber ein, das verheimlicht hier keiner. Für viele war Campus Galli die Rettung, ein Neuanfang. Einer von ihnen ist Mario Angelo Marani, der Korbflechter. Routiniert erzählt er immer dieselben Sätze. Wie er sich diese Arbeit selber beigebracht hat. Dass er mal arbeitslos war und nun dank der Besucher eine feste Stelle habe. Der 50-Jährige hat in seinem Leben 48 Menschen zusammengehauen, das sagt die Polizeiakte, er saß fast zwei Jahre im Gefängnis. Die Menschen aus Meßkirch hatten Angst vor ihm. Jetzt sitzt er den ganzen Tag im 9. Jahrhundert und schlägt niemanden mehr zusammen. Er ist seit einem Jahr fest angestellt, erhält 1.202 Euro netto im Monat. Doch der bescheidene Lohn macht ihm nichts aus. „Campus Galli hat mein Leben verändert“, sagt er, hier gebe es keinen Druck, man produziere Sinnvolles.

So wie Marani sehnen sich viele Menschen nach mehr Ruhe, nach Sinn. Wohl deshalb kommen jedes Jahr Hunderte Freiwillige auf die Baustelle. Sie werden dringend benötigt, arbeiten gratis und über Wochen hier, müssen für die Unterkunft noch draufzahlen. Einer von ihnen ist Stefan Mercamp, Projektleiter IT in einem großen Unternehmen. Eine Woche schuften er, seine Frau und seine drei Kinder auf dem Bau. In seinem Job sei er immer online, kontinuierlich verfügbar, sagt er. Da steige auch mal die Frage hoch: Was mache ich hier eigentlich den ganzen Tag? Auf der Baustelle von Campus Galli stelle sich diese Frage nicht, „hier schabe ich Rinde ab, von oben nach unten, linear, mit einer klaren Aufgabe.“ Man könne auch ins Kloster gehen, für eine Auszeit. „Aber da baue ich lieber eins.“ Der Klosterbau als Höhepunkt der Selbstfindung.

Dieses Projekt ist Kulturbewahrung und Forschungsexperiment – aber auch Burnout-Therapie, Gruppentherapie für Manager, Beschäftigungstherapie für Jugendliche. Man müsse hier bei Regen arbeiten, bei Kälte, sagt Thomas Schlude, der Finanzberater des Projekts. Man müsse sich als Professor neben den Langzeitarbeitslosen auf die Bank setzen und mit ihm zu Mittag essen. Man arbeitet den ganzen Tag in der Natur, in einem Wald, mit einfachen Mitteln. Die Leute erfahren Anerkennung für ihre Arbeit auf der Mittelalterbaustelle. „Wo sonst im Berufsleben kriegen Sie das heute noch?“

Gleichzeitig ist Campus Galli auch ein Stück weit Kommerz: Man kann sich hinter dem Eingang Kaffee in sechs verschiedenen Ausführungen aus dem Automaten holen, es gibt Magnum-Eis aus der Tiefkühltruhe, der Linseneintopf mit Wurst kostet 5,50 Euro. Die Leute wünschen sich das. Sie wollen etwas erleben, und sie wollen konsumieren. Die Betreiber brauchen das Geld. Auch, weil die Einwohner des Ortes das Projekt nicht ewig unterstützen wollen. Manche regen sich darüber auf, dass in die Vergangenheit Geld investiert wird und nicht in die Gegenwart, nicht in die löchrigen Straßen oder in die Sportvereine.

Auf der Baustelle merkt man von dem Groll nichts. Die Arbeiter trinken aus Tonkrügen. Im Mitarbeiterbereich greifen sie dann zu PET-Flaschen. Sie drücken auf ihren Handys herum und benutzen Maggi-Würze. „Keiner von uns würde im Mittelalter leben wollen“, sagen die Arbeiter einstimmig, nachdem sie ihr Geschirr fürs Mittagessen in die Spülmaschine geräumt haben. Es reicht ihnen, von 10 bis 18 Uhr Mittelalter zu spielen. Die Satellitenschüssel auf dem Dach müsse schon sein, sagen sie.

Das schlichte, wahre, edle Leben befriedigt. Aber bitte nach festen Uhrzeiten und nicht zu viel davon.

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